Verdammt, wo bleibt Jutta? Meine Sekretärin ist immer rasch zur Stelle, doch heute scheint mein Ruf ins Vorzimmer vergeblich zu sein. Ein Blick auf meine Uhr und ich überlege kurz, ob ich das Angebot für die Firma Kunze noch fertigstellen oder den PC runter fahren soll, da geht die Tür auf. Jutta erscheint, zwei Sektgläser in der Hand und ein hinreißendes Lächeln im Gesicht. „Paul“, haucht sie,“ Du wirst doch nicht schon gehen wollen? Die Geschäfte sind bereits geschlossen und Osterschokohasen kannst Du noch bis Freitag Abend kaufen.“

Es ist nicht schwer, mich zu überzeugen, denn die Argumente sind im wahrsten Sinn des Wortes umwerfend. Ich finde mich in Sekundenschnelle auf meiner Ledercouch der Besprechungsgarnitur wieder. Die Lippen Juttas sind sinnlich und fordernd.

Es ist 23 Uhr als sie gemeinsam das Büro verlassen. Vor dem Gebäude steht ein schwarzer Mercedes und galant öffnet Paul seiner Geliebten die Beifahrertür. Er fährt sie nach Hause, es sind schließlich nur 20 Minuten – und nach einer weiteren Stunde tritt er die Heimfahrt an. Er geht ins Wohnzimmer, schenkt sich einen Whisky ein und schaltet den Fernseher aus. Er betrachtet seine in die Jahre gekommene Frau die im Lehnsessel eingeschlafen war. Sie ist ja nicht untüchtig, wie er anerkennend feststellen muss. Es liegt noch jetzt der Duft von frischgebackenen Reindlingen in der Luft. Irgendwie wirkt ihr Gesicht verhärmt, woran kann das wohl liegen? Er kommt für alle Rechnungen auf, das Wirtschaftsgeld ist nicht zu knapp – nun, wenig Zeit hat er halt für die Familie. Was wohl Sohnemann Rene` macht? Was studiert er eigentlich? Manchmal ein SMS oder besser gesagt ein SOS, weil das Geld nicht reichte. Paul geht ins Badezimmer; verdammt, denkt er, wieso ist alles so kompliziert. Wie schön wäre es mit Jutta Ostern zu verbringen, doch die sind wohl ein Pflichttermin für die Familie.

Gertrud stellt sich schlafend.
Natürlich habe ich ihn schon längst durchschaut, denkt sie. Ich wollte ihn heute zur Rede stellen, doch im letzten Moment hat mich wieder der Mut verlassen. Die Karwoche ist doch nicht der richtige Zeitpunkt. Zugegeben, Jutta, diese Sekretärin ist eine hübsche Person. Mein Alter kann ich halt nicht zurückdrehen. Wozu habe ich mich eigentlich abgerackert, all die Jahre – immer gekocht, was der Herr sich wünschte. Haus und Garten sauber gehalten, für frische Wäsche gesorgt und und und.. Rene` habe ich auch immer in Schutz genommen, ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen und jetzt? Ein SMS hat er geschickt und mitgeteilt, dass er mit seiner Freundin feiert. Punkt.

Gertrud geht schlafen, in ihr Zimmer.

Paul kommt aus dem Badezimmer – ein Blick in den Lehnstuhl zeigt ihm, dass seine Frau schon ge-gangen ist und so legt auch er sich ins Bett- in seinem Zimmer. Sie schliefen schon längst getrennt, er mit seinen Träumen an Jutta, sie mit Ängsten und Zweifeln über die weitere Zukunft.

Der nächste Morgen, dasselbe Ritual wie immer. Paul trinkt Kaffee und verschanzt sich hinter der Zeitung, Gertrud schweigt. Zu Mittag ein Anruf von Paul: „Komme erst morgen Abend wieder, muss dringend zu einer Kundenbesprechung nach Wien“. Gertrud schluckt, sagt: „Ist recht“ und legt auf.
Paul und Jutta fahren nach München. Beim Juwelier Niessing nahe der Frauenkirche, kaufen sie einen wunderschönen Diamantring, zuvor haben sie im Sheraton eine Suite bezogen.

Gertrud fährt mit ihrem Golf ins Zentrum. Was soll sie bloß schenken? Jedes Jahr hatte sie etwas Hübsches am österlichen Kunsthandwerksmarkt für ihre Familie ausgesucht, heuer ist ihr die Lust gründlich vergangen. Sie kommt an einem Reisebüro vorbei – Es ist die Wende in ihrem Leben.

Sie kann ihre Spontanität kaum begreifen. Ist es, weil sie sich so erniedrigt fühlt? Egal, mit Hilfe der äußerst freundlichen Mitarbeiterin des Reisebüros bucht sie „Last minute“ eine Kreuzfahrt. Zuhause im Wohnzimmer blättert sie nochmals in den Reiseunterlagen und besieht den Prospekt. Die Fahrt mit der MS Rotterdam der Holland America Line führt sie über 4 Wochen, selbstverständlich auch die Osterfeiertage von Venedig über Dubrovnik, Valetta, Monte Carlo, Barcelona, Lissabon, Casablanca, Senegal bis nach Rio de Janero. Gertrud öffnet den Safe, holt daraus mehrere Bündel Banknoten, alles Schwarzgeld ihres „Nochgatten“.
Karsamstag ist angebrochen. Gertrud schippert schon längst im Mittelmeer angebaggert von einem sehr netten und scheinbar auch wohlhabenden Witwer.
Jutta vergnügt sich mit einem sehr jungen, Muskel bepackten Personaltrainer des Fitness-Studios und Rene`versucht mit seiner Freundin in Nizza das Geld zu verbrauchen, das Vater ihm aus schlechten Gewissen in viel zu großer Höhe überwiesen hat. Einzig Paul kann den österlichen Frieden nicht genießen. Er sitzt am kostbaren Seiden-Orientteppich im Wohnzimmer, starrt in den leeren Tresor und liest immer wieder die wenigen Zeilen seiner Frau:
„Erfülle mir einen langgehegten Wunsch und bin für einige Wochen auf Kreuzfahrt. Das Geld vom Tresor ist ohnehin nur Schwarzgeld und gehört verbraucht. Wünsche dir und Jutta schöne Feiertage. Überanstrenge dich nicht mein Guter. Ach ja und schöne Grüße von Rene`, er will sein BWL Studium aufgeben, du sollst eine adäquate Stelle, wenig Arbeit und viel Lohn, für ihn finden.“

Paul geht es nicht gut – er steht erst am Beginn seines Leidensweges.

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